Die gute Adresse (Hermann und Leuthold 2002)

Die beiden Geografen Michael Hermann und Heiri Leuthold, Gründer des Forschungsprojekt sotomo – Sozialtopologie und Modernisierung, veröffentlichten 2002 eine innovative Arbeit zu Lebensstilen und städtischer Segregeation.

Die Autoren erkennen, dass die Reurbanisiserung Ende des 20. Jahrhunderts planerische, ökonomische, soziale Ursachen hat und stellen die These auf, dass die Segregation entlang von Lebensstilen erfolgt. Es gibt keine allgemein intersubjektiv anerkannte Hierarchie des guten Quartiers. Wohnideale richten sich sowohl nach Möglichkeiten (Ressourcen) als auch nach Ansprüchen. Dies hat zweierlei Konsequenzen:

  1. Wohnwünsche sind abhängig vom Gruppenhabitus,
  2. die Realisierung der Wohnwünsche ist abhängig von Ressourcen.

Somit ist der Wohnort sowohl Teil des Lebensstils als auch Ausdruck des Lebensstils, also wird eine symbolische Ordnung erkennbar.

Als Erklärungsmodell für die Segregation wird die unterschiedliche Bewertung der Quartiere angeführt (divergierende Wohnwünsche und unterschiedliche ökonomische und soziale Restriktionen). Daraus bilden Hermann und Leuthold vier Quartiertypen:

A-Quartier:

  • generell als «gutes Quartier» bewertet,
  • starke Nachfrage,
  • hohe Preise,
  • ökonomisch starke setzen sich durch und prägend das Quartier (Oberschichtquartier)

B-Quartier:

  • von verschiedenen Gruppen als gut bewertet,
  • mittlere Nachfrage,
  • mittlere Preise,
  • mehrere Gruppen prägen das Quartier (durchmischtes multikulturelles Quartier)

C-Quartier:

  • Von einer Gruppe gut bewertet,
  • mittlere Nachfrage,
  • mittlere Preise,
  • eine Gruppe dominiert und prägt das Quartier (z.B. Arbeiter, Familien)

D-Quartier:

  • Generell als schlechtes Quartier bewertet
  • kleine Nachfrage,
  • tiefe Preise,
  • ökonomisch und sozial schwache Gruppen werden hierher verdrängt (Unterschichtsquartier).

Interessant sind die B- und C-Quartiere, da sie nicht von Restriktionen bestimmt sind, sondern von Habitus und Lebensstilen.

Empirische Untersuchung

Mittels einer Befragung von Wohnungssuchenden in Zürich nach ihren Freitzeitgewohnheiten, ihrem Kultur- und Medienkonsum und nach ihren Idealvorstellungen des Wohnens und des Wohnstandortes konnte gezeigt werden, dass sich  die Lebensstile und die Bewertung von Stadtquartieren unterscheiden.

Im folgenden werden aus vielen Ergebnisse zwei herausgepflückt:

Ergebnis 1: Präferenz für Wohnquartiere und Mietzinsniveau

Tatsächlich bildet sich die Typologie der Stadtquartiere im Mietzins (y-Achse: Abweichung des Mietzinses von städtischen Mittel) und der Nachfrage (x-Achse: Häufigkeit der Nennung) nieder (s. Abb. 1).

Relatives Mietzinsniveau und Haufigkeit einer Nennung der Ziircher Stadtquartiere
Abbildung 1: Relatives Mietzinsniveau und Haufigkeit einer Nennung der Ziircher Stadtquartiere. Quelle: Hermann und Leuthold 2002.

Ergebnis 2: Innerstädtische Segregation nach Weltanschauung

Ziircher Stadtkreise im Raum der Weltanschauungen 1981 und 2000
Abbildung 2: Ziircher Stadtkreise im Raum der Weltanschauungen 1981 und 2000. Quelle: Hermann und Leuthold 2002.

In Abb. 2 ist dargestellt, wie sich die Zürcher Stadtquartiere im Zeitverlauf zwischen 1981 und 2000 auf der Links-rechts-Achse und auf der Konservativ-liberal-Achse bewegt haben. 1981 gab es in Zürich ein starkes Gefälle zwischen rechtsliberal dominierten Oberschichtsquartieren und linken Arbeiterquartieren. Diese Hierarchie ist im Laufe der Zeit aufgebrochen und mehrdimensional geworden. Insbesondere die einstigen Arbeiterquartiere erhalten eine neue cleavage zwischen einer individualistisch-linksliberalen und einer traditionalistisch-rechtskonservativen Weltanschauung:

«Die gentrifizierten Innenstadtquartiere sind heute Hochburgen des Linksliberalismus, während die peripheren Arbeiterquartiere, die wir als typische Habitate des kleinbürgerlichen Lebensstils identifizierten, rechter und konservativer geworden sind.»

Das weltanschauliche Auseinanderdriften der einst relativ geschlossen linken Arbeiterquartiere ist symptomatisch für die Umschichtungen, wie sie durch die Deindustrialisierung und den Übergang zur Informationsgesellschaft in europäischen Städten ausgelöst wurden. Die Aufwertung der Innenstädte durch Gentrifizierung ist das sichtbarste Phänomen dieser Entwicklung, nicht aber das einzige. In derselben Zeitspanne wurden periphere einstige Arbeiterquartiere marginalisiert. Sozial Schwache und Randständige werden an den Stadtrand verdrängt, wo es Anzeichen gibt, dass dort die neue A-Stadt entsteht. Das ansässige Kleinbürgertum realisiert den sozialen Abstieg und reagiert defensiv und reaktionär.“ (S. 248)

Spannend wäre es, diese Thesen aus der zeitlichen Distanz zu überprüfen.

Literatur

Hermann, Michael und Heiri Leuthold (2002): Die gute Adresse. Divergierende Lebensstile und Weltanschauungen als Determinanten der innerstädtischen Segregation, in: Mayr, Alois, Manfred Meurer und Joachim Vogt (Hg.): Stadt und Region – Dynamik von Lebenswelten.
 Tagungsbericht und wissenschaftliche Abhandlungen, 53. Deutscher Geographentag 2001 in Leipzig. Leipzig: o.V., S. 236-250

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