Gentrifidingsbums (Twickel 2010)

Christoph Twickel (s.a. den Blog in der ZEIT) setzt sich am Beispiel Hamburgs mit der globalen und nationalen Standortkonkurrenz von Städten auseinander.

Vor 30 Jahren, genauer 1983, hat der Erste Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi 650 Mitgliedern des alteingesessenen «Hamburger Überseeclubs» seine Standortpolitik als Antwort auf den Strukturwandel dargelegt. Die Stadt sollte nunmehr seine wohlfahrtsstaatlichen Aufgaben ablegen und wie ein Unternehmen geführt werden. Die unternehmerische Stadt steht im Wettbewerb mit anderen Städten, und so sollten kleinere und grössere Events die Attraktivität der Stadt steigern und neue Unternehmen anziehen. Zugleich sollte der Standort als günstige Anlageoption fürs Finanzkapital gelten.

Hamburg liess sich um die Jahrtausendwende vom Unternehmensberater Roland Berger beraten, der prüfte, inwiefern Richard Floridas Ideen zur kreativen Klasse für Hamburg genutzt werden könnten (ein Blogbeitrag zu Florida ist in Planung). Florida rät Städten, die kreative Klasse zu fördern und dadurch einen Imagebewinn zu erhalten:

«Die Image City entdeckt den Bohemien als Insignium metropolitaner Coolness und Vielfalt. Die DJs, die Musiker, die freien Künstler und Filmemacher, die Mode- und Theaterleute, die Slam-Poeten, die kleinen Läden, Klubs und Galerien und ihre Communitys stehen nicht nur für ein interessantes Umfeld, sondern für das coole Off, das nonkonformistische Andere im Stadtraum. Hier leben und arbeiten die Underdogs, die man schätzt und die gleichzeitig der Metropole eine Aura von konsumierbarem Ausnahmezustand geben, von hipper Prekarität. So erklärt sich, warum die unternehmerische Stadt für ihre Bildproduktion neben den Großevents auch die Subkulturen braucht.»
(S. 63)

Auf den Grundmauern der alten Speicherstadt wurde die noch nicht fertiggestellte Elbphilharmonie und die Hafen-City errichtet, Lebensraum für den gehobenen Mittelstand und Neureiche. Die Elbphilharmonie, die Opernhaus, ein Fünf-Sterne-Hotel und Eigentumswohnungen in einem einzigen Gebäudekomplex umfasst verschlingt allein Prozent des Kulturbudgets und wirken als gestaltgewordene Wahrzeichen des ungeheuren Reichtums.

Twickels Buch liest sich spannend, weil er sich exemplarisch jener Stadt annimmt, in der er lebt und in der er selbst in der «Recht auf Stadt»-Bewegung aktiv ist. Twickel zeigt dank seiner Grassrootsperspektive, wie das sogenannte kreative Prekariat zur Standortentwicklung eingespannt wird. Der Autor geht das Thema reflektiert an, denn er stellt einleitend die programmatische Frage:

«Wie soll man etwas bekämpfen, das man doch selbst produziert hat?» (S. 5)

Literatur

Twickel, Christoph (2010): GENTRIFIDINGSBUMS oder eine Stadt für alle. Hamburg: Edition Nautilus

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