Podium: Wie viel ist das Zürcher «Nightlife» wert?

Im Plaza Klub, mitten im Kreis 4, fand am 20. Januar ein Podiumsgespräch unter der Leitung von Anna Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung Zürich, zum Nachtleben in Zürich statt. In den letzten zwanzig Jahren nahm die Zahl der sogenannten Nachtcafé-Bewilligungen von 88 auf 646 zu. Die Klubs haben ein Fassungsvermögen von 90’000 Personen. Diese Zahlen machen die Dimension des Nachtlebens deutlich.

Die Diskussion zeigte schnell, dass der Hauptkonflikt, der das Nachtleben mit sich bringt, zwischen Wohnen und Ausgang herrscht. Stadtrat Richard Wolff spricht von 4’000 Lärmklagen pro Jahr. Lange Zeit hat sich im Kreis 4 das Nachtleben in ehemaligen Industriearealen abgespielt

Hannes Lindenmeyer, ein Bewohner des Kreises 4, bemerkt, dass der direkte Lärm weniger problematisch sei als der indirekte Lärm, der von Partygängern auf der Strasse und von Suchfahrten der Autofahrer verursacht werde. Es ist eine neuere Entwicklung, dass Wohnareale im Quartier entstehen. Ein Beispiel ist der Klub «Härterei», der plötzlich inmitten von Wohnblöcken stand und mit Lärmklagen eigedeckt wurde. Das rege Nachtleben biete zusätliche Sicherheit, ein Faktor, der schnell untergeht bzw. werde aus der Perspektive der Nicht-Zürcher das Zürcher Nachtleben als unsicher wahrgenommen. Lindenmeyer attestiert dem Nachtleben, dass des den Kreis 4 attraktiv macht; jedoch gibt es auch andere Gründe, die den Kreis 4 interessant machen.

Martin Sturzenegger, Direktor von Zürich Tourismus, nennt die Streetparade als wichtigen Wirtschaftsfaktor (Stichwort Übernachtungen), wenn es um Partys geht. Er zieht den Vergleich zu München, das in vielen Belangen ähnlich situiert ist wie Zürich (Bühnen, Kunstmuseen, …), jedoch spielt Zürich mit über 100 Clubs in einer anderen Liga als München. Zugleich vermisst Martin Sturzenegger einerseits Clubs mit der Ausrichtung auf Rockmusik und andererseits mondäne Clubs; viele Clubs hätten einen Underground-Touch.

Carine Zuber, Gesamtleiterin des Jazzclubs Moods, spricht den Attraktivitätsfaktor an, den das Nachleben bietet. So ist ein aktives Nachtleben interessant für junge Leute bzw. Kaderleute bei der Wahl der Stadt, in der sie studieren bzw. arbeiten wollen.

Zuber bemerkt, dass das Zürcher Nachtleben segmentiert ist und dass es schwierig ist, ein bestimmtes Kundensegment anzusprechen. So ist der Versuch, eine Funk-Reihe durchzuführen, gescheitert. Stattdessen setzt das Moods in diesem Segment auf Vermietungen; so finden z.B.  Raggae-Party statt, die von der Raggae-Szene selbst organisiert werden.

Daniel Späti, Co-Projektleiter SNF-Projekt «Eventkultur und Stadtentwicklung» an der ZHdK spricht von einer zunehmenden «Eventisierung» des Nachtlebens (aber auch im Sport- und Filmbereich). In den letzten 30 Jahren gab es eine Verschiebung zu mehr Spass und Erlebnis und zu einer verstärkten Ökonomisierung der Nachtkultur und einem verminderten Kreativitätspotential. Auch Lindenmeyer vermisst das Unkonventionelle und das Kreative im Nachtleben. Dies habe auch mit dem Fehlen von Freiräumen zu tun; so fresse die Professionalisierung das kulturelle Gehalt und die Kreativität auf. Späti spricht die vielen Auflagen an, die hohe Investitionen und eine Professionalisierung verlangten.

Wichtiges Thema für Späti ist auch die Exklusion; gewisse Gruppen werden ausgeschlossen, sei es über einen Türsteher, über Eintrittspreise, VIP-Zonen oder auch subtiler über das Getränkesortiment (es ist eine Bar bekannt, die kein Red Bull ausschenkt).

Tom Maurer, Vorstand in der Bar & Club Kommission Zürich (BCK), die sich selbst als «Sprachrohr des Zürcher Nachtlebens» bezeichnet, spricht sich für eine Koexistenz von Nachtleben und Wohnen aus. So führt der Verein BCK z.B. eine Sensibilisierungskampagne gegen Lärm durch. Im Weiteren spricht er von der wirtschaftlichen Bedeutung der Nachtbetriebe: Bei der letzten Untersuchung (Erhebungsjahr 2011), bei der 150 Betriebe befragt wurden, hängen 3’500 Arbeitsplätze am Nachtleben, es waren 10 Mio Besucher bei 10’000 Veranstaltungen zu verzeichnen. Der Umsatz wird auf 500 Mio CHF geschätzt.

 

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