TV-Tipp: Städte der Zukunft (ARTE)

Der TV-Sender ARTE strahlte am 20. Januar eine dreiteilige Dokumentation zum Thema «Städte der Zukunft» aus. Die Beiträge sind momentan noch online verfügbar.

«Von null auf Zukunft»

Der Beitrag befasst sich mit Städten, die – teilweise auch von privaten Konsortien – auf dem Reissbrett gezeichnet wurden, es wird auch der Link zum Computerspiel «Sim City» gemacht. Die Planung am Reissbrett (oder auch «top down») ist nichts neues, wenn man bspw. an die von Le Corbusier entworfenen Städte Chandigarh oder Brasilia denkt.

Neu an den Städten, die v.a. in China, Indien, Südkorea, Saudi-Arabien und Afrika entstehen ist, dass sie umweltorientiert sind. Die Qualität für die Bewohner soll steigen, die CO2-Belastung sinken. Die Wasser-, Luftqualität, die Umweltverschmutzung und der Energieverbrauch sind wichtige Themen bei der Entwicklung von Zukunftsstädten. Die Stadtplaner entwickeln die Städte so, dass die Idee in Wachstumsländer verkauft werden, die ihre Städte nach denselben Plänen bauen, bzw. eine Skalierbarkeit ist auch vorgesehen.

In den gezeigten Beispielen fällt auf, dass teilweise alte Fehler wiederholt werden wie die räumliche Trennung der Lebensbereiche. Insgesamt werden die Zukunftsstädte sehr stark gesteuert und überwacht. Wie eine Bewohnerin sagt, sind viele Dienste ambivalent: zwar ist es convenient, seine Kinder beim Spielen zu filmen, aber gleichzeitig geht dies mit Voyerismus und  Kontrolle einher.

Saskia Sassen sieht im Anspruch der Perfektion ein Problem. Das Städtische ist für sie gerade durch Imperfektion und  Unvollständigkeit definiert (s. Blogeintrag). Die ganzen technischen Erleichterungen schaffen zwar eine Erleichterung, gleichzeitig aber auch eine Abhängigkeit. Dazu kommt, dass die Bewohner von ihrem sozialen Status her recht homogen sind.

«Smart Cities»

Im Film «Smart Cities» geht es um Steuerungsfragen im städtischen Raum. Einerseits ist es die Energie- und Ressourcenfrage und andererseits die Optimierung des Verkehrs.

Der Soziologe Jeremy Rifkin sieht die Rettung der Menschheit in der sog. dritten industriellen Revolution (die erste war die der Dampfmaschine, die zweite die des Verbrennungsmotors, des Stroms und des Telefonnetzes). Die Zukunft liege in der Nutzung von Wind- und Sonnenenergie, erzeugt und verteilt in einem dezentralen Netz mit Speichern.

Das Thema «Smart grid» wird am Beispiel Wilhelmsburg bei Hamburg dargestellt: Dort gewinnen zwölf Gebäude Energie und sind mit einem Energienetz und mit einem Informationsnetz miteinander verbunden. Netzintelligenz ist nötig, um  das Netzgleichgewicht zu erhalten.

Smart Cities sind sind mit unterschiedlichen und unzähligen Sensoren ausgestattet, die für eine bessere Organisation genutzt werden können. So können Verkehrswege und -ströme optimiert werden. Die Daten der Verkehrsnutzung der Londoner Tube werden z.B. dazu genutzt, um die Fahrpreise bei hoher Nachfrage zu erhöhen, um Unentschlossene und Arme von Fahrten abzuhalten. Die Steuerung funktioniert auch subtiler, indem zum bei grossem Andrang auf den Perrons die Billettausgabe an den Billettautomaten verlangsamt wird.

Ein weiteres Beispiel der Verkehrssteuerung ist der Oxford Circus, wo sich stündlich 30-40’000 Fussgänger und zusätzlich 19’000 Tube-Benutzer aufhalten bzw. passieren.  Ingenieure haben Modelle errechnet und Optimierungen ausgetüftelt, die in der Realität umgesetzt werden. Dies sind teilweise kleine Veränderungen an Bordsteinen und Übergängen. Sogenannte «purge points», das sind Fussgängerinseln in der Starassenmitte, erlauben es den Fussgängern, die Strasse zu überqueren. Als weitere Massnahme halten die Ampeln alle zwei Minuten den motorisierten Verkehr an. um den Fussgängern das diagonale Überqueren der Kreuzung zu ermöglichen.

Das Beispiel Paris mit seinen Leihvelos (s. Blogbeitrag) und Leihautos wird gezeigt. Im Durchschnitt wir ein Velo von Benutzern pro Tag genutzt und ein Auto ersetzt acht private Autos. Hier kommt wieder Rifkin zu Worte, der die Zukunft im Teilen von Gütern und Dienstleistungen sieht (Null-Grenzkosten-Welt).

Möglich, dass der Zugang und die Vernetzung nicht für alle Menschen gleich möglich sein wird und hier kann es zu einer Hierarchisierung kommen. Bei der Frage, wer unter welchen Umständen, die Daten der Smart City nutzen kann und wie die Datensammlung kontrolliert werden kann, wird weiter Kontroversen am laufen halten. Gemäss Film hat die Bevölkerung das Recht, das Filmmaterial der CCTV anzuschauen. Das hat sich die Band «The Get Out Clause» zunutze gemacht, indem sie sich im öffentlichen Raum von Überwachungskameras filmen liess und das Footag zu einem Videoclip zusammengeschnitten hat:

 

Die urbane Farm

Der dritte Film des Abends dreht sich um die Frage der Ernährung. Die bisherigen Städte könnten – wegen des Raubbaus an Ressourcen und der Verschmutzung, die sie verursachen – als Parasiten wahrgenommen werden. Im Film wird von der Abhängigkeit der Stadt vom Land hingewiesen; allerdings ist diese Darstellung sehr zugespitzt und einseitig, da Ökonomien, die auf Arbeitsteilung und Handel aufbauen, zwangsläufig gegenseitig abhängig sind. Für gewisse Stadtstaaten könnte die Importabhängigkeit einmal zum Problem werden. Singapur mit seinen über 5 Mio Einwohner nutzt gerade mal 2% seiner Fläche für die Landwirtschaft.

Ein Punkt, der in Zukunft zum Problem werden könnte, ist der Transport und die damit verbundene Angst vor Kollaps. Stadtplaner wollen daher die Landwirtschaft in die Stadt bringen, und da viele Nahrungsmittel nachgefragt werden, sollen die «Gärten» in die Höhe wachsen: Vertical Farming nennt sich dies. In Montréal wurde 2011 das Geschäft «Les fermes Lufa» gestartet, keine 10 km vom Stadtzentrum entfernt. Die Nähe zur Stadt hat den Vorteil, dass die Auswahl des Angebots nicht auf Transportfähigkeit sondern auf Qualität basiert. Das Projekt ist rentabel.

Soweit der Film. Obwohl es Beispiele gibt, die als rentabel gelten (Lufa), hat ein Interviewter die Zahl 12 Euro pro kg Nahrungsmittel genannt. Ausserdem wird die Frage nicht ausdiskutiert, das der Boden in Städten knapp ist und in Konkurrenz zu anderen Nutzungen wie wohnen und arbeiten steht. Derzeit sind im Zusammenhang mit den Vertical Farms Ingenieure mit der künstlichen Herstellung der Umweltbedingungen beschäftigt; Hydroponik-Kreisläufe und LED könnten in Zukunft eine wichtige Rolle in der Nahrungsmittelproduktion gewinnen, ob in der Stadt oder auf dem Lande.

 

 

 

 

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