Urban Governance: Metropolitan Reform

Die Denkschule der Metropolitan Reform nahm ihren Anfang um 1900 und fand zwischen 1960 und 1970 mit den Metropolitan Governments ihren Höhepunkt. Mit der Suburbanisierung, d.h. der Ausdehnung des urbanen Raumes über die Grenzen der Kernstadt hinweg in die angrenzen­den Gemeinden (und später mit der Periurbanisierung auch noch darüber hinaus «ins Grüne»), werden Probleme manifest. Metropolitan Reformers sehen den Kern der Probleme bei den öko­nomischen, sozialen und fiskalischen Disparitäten, die eine institutionelle Fragmentierung mit sich bringen. Daher befürworten sie eine Konsolidierung des urbanen Raumes. Neben der Aus­gleichung von Ungleichheiten erlaubt die Metropolitan Reform zudem eine übergeordnete stra­tegische Planung.

Problembeschreibung der Metropolitan Reform

In den Augen der Metropolitan Reformer verursachen in urbanen Räumen viele kleine autonome Gebietskörperschaften, die durch scheinbar willkürliche Grenzen voneinander getrennt sind, ver­schiedene Probleme:

  1. die ungleiche Verteilung der Finanzlasten für die Produktion von Dienstleistungen und öffentlichen Gütern zulasten der Kernstädte,
  2. die Produktion oder Bereit­stellung von öffentlichen Gütern ist ineffizient, weil Skaleneffekte nicht genutzt werden,
  3. die politische Partizipation von Pendlern ist nur am Wohnort und nicht am Arbeitsort möglich und
  4. können politische Spannungen aufgrund von sozialer Segregation wegen unterschiedlicher Wohnpräferenzen bzw. -opportunitäten entstehen (Kübler 2006:536).

Lösungsvorschläge der Metropolitan Reform

Die Lösungsvorschläge der Metropolitan Reformer, insbesondere betreffend der Probleme der Ineffizienz bei der Produktion von öffentlichen Gütern und der Verteilungsgerechtigkeit zwi­schen Zentrum und Peripherie gehen dahin, den Schwerpunkt auf Konsolidierung zu setzen. Die Kongruenz von politisch-administrativem und funktionalem Raum, so die Metropolitan Refor­mer, erlaube eine effizientere Produktion von öffentlichen Gütern und eine gerechtere Verteilung der Lasten.

Diese Thesen galten doch bald als unsicher und empirisch nicht evident. Daraufhin wurde der Fokus auf die Demokratiefrage gerichtet (Kübler 2006:536). Dabei wird angenommen, dass durch die institutionelle Fragmentierung die Beziehung zwischen Behörden und Bürger schlechter sind als im konsolidierten Raum. Der Lösungsvorschlag sind institutionell konsoli­dierte Stadtregionen – sogenannte «Metropolitan Areas» –, wie sie bis Mitte des 20. Jahrhunderts vielerorts in Nordamerika und Europa eingerichtet wurden.[1] Diese neuen monozentristischen Steuerungseinheiten sind autonom von Gemeinden und anderen Staatsebenen errichtet worden. Sie sind durch die Direktwahl von Volksvertretern politisch stark legitimiert und mit breiten Kompetenzen und ausreichend Ressourcen ausgestattet.

Durch die Einführung einer weiteren Ebene im Staatsaufbau führt ein Metropolitan Government zu einer weiteren Hierarchisierung der politischen Struktur. Kritiker bezweifeln, dass auf diese Art und Weise die Effizienz gesteigert werden kann, und sie vertreten die Position, dass diese Form von Governance gar zu steigenden Kosten führt (Savitch und Vogel 2009:100).

Kritik an der Metropolitan Reform

Es wird angenommen, dass durch die Hierarchisierung die Responsivität der politischen Institu­tionen abnimmt, was aus demokratietheoretischer Sicht zu kritisieren ist. Zudem werden Min­derheiten, wenn sie in noch grösseren Gebilden aufgehen, in verstärkem Masse marginalisiert, was aus Sicht des Pluralismus zu bemängeln ist.

Das fordistisch-keynesianistische Konzept des Urbanen, das sich z.B. in der Nutzung von Ska­leneffekten und der funktionalen Gliederung äussert, geriet in den 1980er-Jahren immer mehr als technokratisches Projekt in Verruf (Brenner 2003; Hitz et al. 1995). Die erhoffte Verbesserung der Beziehung zwischen Behörden und Bürgern im konsolidierten Raum trat nicht ein: Es fand eine Entfremdung der Bürger von der neugeschaffenen Behörde statt. Die Körperschaften konn­ten sich zudem trotz ihrer Unabhängigkeit nicht gegen die Gemeinden und die höheren Staats­ebenen durchsetzen, und so wurden viele der Metropolitan Governments in den 1980er-Jahren wieder abgeschafft. Andere Gründe waren fehlende Ressourcen (London) oder fehlende politi­sche Mehrheiten (Paris) (Lefèvre 2001).

Es ist wichtig, dass die Organisationen mit ausreichend Ressourcen und Kompetenzen ausge­stattet sind. In den 1990er-Jahren kam es zu einem Revival der Metropolitan Areas. Im Zuge dieses Trends wurden der Verband Region Stuttgart (1994), die Greater London Authority (2000) und die Region Hannover (2001) gegründet (Lefèvre 2001).

Literatur
  • Brenner, Neil (2003): «Standortpolitik, state rescaling and the new metropolitan governance in Western Europe», DISP, 152 (1): 15-25
  • Hitz, Hansruedi, Christian Schmid und Richard Wolff (1995): «Boom, Konflikt und Krise – Zürichs Entwicklung zur Weltmetropole», in: Hitz, Hansruedi, Roger Keil, Ute Lehrer, Klaus Ronneberger, Christian Schmid und Richard Wolff (Hrsg.): Capitales Fatales. Urbanisierung und Politik in den Finanzmetropolen Frankfurt und Zürich. Zürich: Rotpunktverlag: 208-282
  • Kübler, Daniel (2006): «Agglomerationen», in: Klöti, Ulrich, Peter Knoepfel, Hanspeter Kriesi, Wolf Linder, Yannis Papadopoulos und Pascal Sciarini (Hrsg.): Handbuch der Schweizer Politik. Zürich: NZZ Verlag: 259-286
  • Lefèvre, Christian (2001): «Metropolitan Government Reform in Europe: Current Trends and Challenges», Schweizerische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 7 (3): 16-21.
  • Savitch, Hank und Ronald K. Vogel (2009): «Regionalism and urban politics», in: Davies, Jonathan S. und David L. Imbroscio (Hrsg.): Theories of urban politics. London: Sage, 106-124

 

 

[1] Beispiele sind: Metro Toronto, Communauté urbaine de Montréal, Greater Vancouver Regional District, Saint Paul-Minneapolis, Portland, Greater London Council, die Communautés urbaines von Bordeaux, Lille, Lyon und Strassburg, Rijnmond Authority (Rotterdam) und die Corporación Metropolitana de Barcelona (Kübler 2006:536-537).

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